Berliner Lektionen 2005




Prof. Dr. Jutta Limbach (Vorsitzende des Deutschen Sprachrats, Präsidentin des Goethe-Instituts); Foto: David Ausserhofer


Rede im Rahmen der Berliner Lektionen 2005 der Berliner Festspiele:

»Ich liebe unsere Sprache«

Lassen Sie mich mit einer Liebeserklärung an die deutsche Sprache aus fremder Feder beginnen:

Jorge Luis Borges Ode an die deutsche Sprache

Die kastilische Sprache ward mir zum Schicksal,
Franzisco de Quevedos Bronze,
aber auf dem langen Weg durch die Nacht;
erheben sich andre, intimere Musiken.
Eine wurde mir aus dem Blute geschenkt –
O Stimme Shakespeares und der Schrift –
Andere durch Zufall, der freigebig ist,
Dich aber, süße Sprache Deutschlands,
Dich habe ich erwählt und gesucht, ganz von mir aus.
In Nachtwachen und mit Grammatiken,
aus dem Dschungel der Deklinationen,
das Wörterbuch zur Hand, das nie den präzisen Beiklang trifft,
näherte ich mich Dir.

Meine Nächte sind mit Virgil angefüllt;
So sagte ich einmal;
Ich könnte aber auch gesagt haben:
Mit Hölderlin und Angelus Silesius.
Heine gab mir seine Nachtigallenpracht;
Goethe die Schickung einer späten Liebe,
gelassen sowohl wie bereichernd;
Keller die Rose, gelegt von der Hand
in die eines Toten, der die Blume liebte
und der nie wissen wird, ob sie weiß oder rot ist.
Du, Sprache Deutschlands, bist Dein Hauptwerk;
Die verschränkte Liebe der Wortverbindungen,
die offenen Vokale, die Klänge,
angemessen dem griechischen Hexameter,
und Deine Wald- und Nachtgeräusche.
Dich besaß ich einmal. Heute, am Saum der müden Jahre;
Gewahre ich Dich in der Ferne;
Unscharf wie die Algebra und den Mond!

Jorge Luis Borges hat diese Ode an die deutsche Sprache in hohem Alter verfasst: »Am Saum der müden Jahre«, wie er es poetisch ausdrückt. Das erklärt die Ferne und Unschärfe, mit der er dieses Hohe Lied auf die deutsche Sprache ausklingen lässt.

Eine »süße« oder eine »gewalttätige« Sprache?

Im gegenwärtigen Deutschland sind es eher Angehörige der jüngeren Generationen, deren Verhältnis zur deutschen Sprache ein entferntes, ja ein unterkühltes ist. Wer von unseren Söhnen oder Enkeltöchtern erkennt wohl noch den Bezug der Zeile, in der Jorge Luis Borges von »Deine(n) Wald- und Nachtgeräuschen« spricht (Eichendorffs Mondnacht)? Wer hätte gegenwärtig die Stirn, von der »süße(n) Sprache Deutschlands« zu sprechen? Diskutieren wir doch gerade die Frage, ob der Bundespräsident in der Knesset in seiner Muttersprache oder besser Englisch sprechen sollte. Die deutsche Sprache wird von den Überlebenden der Shoa noch immer als eine aggressive, gewalttätige Sprache erinnert, die sie automatisch an den Holocaust denken lässt. Das trifft vielfach – laut Hagai Dagan – auch für die Abkömmlinge der Opfer zu.[i]

Deutsch war eben auch die Sprache der SS und der Gestapo, der Konzentrationslager und der Volksschädlings-VO. Allenthalben begegnet uns dieser Tage, da wir der Befreiung von Auschwitz vor 60 Jahren gedenken, das barbarische Vokabular des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Die von Borges gepriesene Kunst der deutschen Sprache, Worte zu verbinden und neue Begrifflichkeiten zu schaffen, hat in jener Zeit böse Blüten getrieben. Die deutsche Sprache ist durch diesen Sprachverfall, vor allem durch die damit auf den Begriff gebrachten Menschheitsverbrechen, nicht diskreditiert. Keine Sprache ist davor gefeit, von Menschenfeinden missbraucht zu werden. Wer die Sprache liebt, so Heinrich Böll, weiß, dass sie das Menschlichste am Menschen ist und darum auch schrecklichster Ausdruck seiner Unmenschlichkeit werden kann. Das ist aber nicht der Sprache anzulasten, sondern den Worterfindern, die ihre Menschen verachtende Gedanken in ein sprachliches Kostüm kleiden.

Gleichwohl gilt es, der Tatsache mit Verständnis zu begegnen, dass es Opfer und Angehörige gibt, die die Sprache der damaligen Folterer und Mörder noch nach 60 Jahren nicht zu ertragen vermögen. Über das »Trauma des größten Massenmords der Geschichte«, so treffend Ulrich Sahm, kann auch der Hinweis auf die humanistische Tradition unserer Sprache, die mit den Namen Goethe, Kant und Schiller verbunden ist, nicht hinwegtäuschen.[ii]

Der sich auch im Missbrauch der Sprache äußernde Zivilisationsbruch der Jahre 1933 bis 1945 hat sehr wohl die Anfänge der deutschen auswärtigen Kulturpolitik bestimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war zunächst einmal Bescheidenheit angesagt. Es ging darum, mit den Nachbarn wieder in das Gespräch zu kommen. Eine Haltung, die auch die Sprachpolitik beeinflusst hat. Nicht nur in Israel war das Deutsche verpönt. Es hat fast zwei Jahrzehnte gedauert, bis das Goethe-Institut selbstbewusst die deutsche Sprache als ein Mittel einzusetzen begann, um die Aufgeschlossenheit und Sympathie für Deutschland zu fördern.

Das gilt im gleichen Maße für die Außenpolitik, die in diesen Jahren – aus respektablen Gründen zwar – versäumt hat, im Prozess der europäischen Integration den Stellenwert der deutschen Sprache zu behaupten. Das ist umso ärgerlicher, als die deutsche die in der Europäischen Union am häufigsten gesprochene Muttersprache ist. Trotz dieser Tatsache müssen wir uns damit abfinden, dass Englisch zur Weltsprache geworden ist.

Englisch als Weltsprache

Ob einer Sprache der Status der Lingua franca zuwächst, hängt nicht zuallererst davon ab, mit welcher Häufigkeit sie als Muttersprache gesprochen wird. Wenn es auch für die Bedeutung des Englischen nicht unerheblich sein dürfte, dass diese Sprache in sieben nicht eben unbedeutenden Staaten als Muttersprache gesprochen wird. Aber käme es allein auf die Zahl der Muttersprachler an, würde das Chinesische den Sieg davontragen.

Laut David Crystal zählt nur ein Grund für den Aufstieg einer Sprache zur Weltsprache: Die Macht der Leute, die diese Sprache sprechen. Damit sind unterschiedliche Dinge gemeint: die politische Macht, die technologische Macht, die wirtschaftliche Macht und die kulturelle Macht.[iii] Schnell sind die historischen Fakten erzählt, die schließlich zu der beherrschenden Stellung des Englischen geführt haben. Bismarck soll 1888 gefragt worden sein, was er für den entscheidenden Faktor in der modernen Geschichte halte. Bismarcks Antwort: dass die Nordamerikaner Englisch sprechen.[iv] An diesen Macht- und Zahlenverhältnissen wird sich gewiss in absehbarer Zeit wenig ändern.

Das Englische nüchtern als Weltsprache anerkennend, hat sich das Goethe-Institut der Devise verschrieben:

Englisch ist ein Muss,
Deutsch ist ein Plus.

Das Bildungsziel der Mehrsprachigkeit

Trotz der überragenden Bedeutung der englischen Sprache im Prozess der weltweiten wirtschaftlichen Integration ist die Lehre der deutschen Sprache im Ausland ein vorrangiges Politikziel. Aber wie überzeugt man jene, die bereits mit ihrer ersten Fremdsprache Englisch weltweit kommunizieren können, davon, dass das Erlernen der deutschen Sprache gleichwohl bereichert. Zunächst mit einem Argument, das für jede andere Sprache auch gilt, dass Mehrsprachigkeit bildet. Sprache ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation. Sprache ist Kultur.

Allein schon die Tatsache, für welche Sachverhalte, Befindlichkeiten und Eigenschaften eine Sprache Worte besitzt oder nicht besitzt, teilt etwas über kulturelle Eigenheiten mit. Der Geist einer Sprache, so Marie Ebner-Eschenbach, offenbart sich am deutlichsten in ihren unübersetzbaren Worten. Für die deutsche Sprache sei auf die Gratwanderung, das Fingerspitzengefühl, den Zugzwang, das Waldsterben, den Weltschmerz, den Zeitgeist, die Schadenfreude und die Bildung hingewiesen – alles Worte, für die es in anderen Sprachen häufig keine entsprechenden Vokabeln gibt.

Worte sind nicht nur Bestandteile unserer Sprache, sie gleichen vielmehr einem Netz von Befindlichkeiten und Denkbarkeiten. Sprache ist – so Wilhelm von Humboldt – auch Ausdruck der Verschiedenheit des Denkens, jede Sprache ist »auch eine Ansicht von der Welt«. Für den, der eine Fremdsprache erlernt, sind Wörter gleichsam Fenster in eine andere Welt. Regen Sie doch zum Vergleich wie zum Nachdenken an und befördern die Lust, sich auf eine fremde Welt einzulassen. Das Erlernen einer Fremdsprache trägt auch mit dazu bei, dass man über die Eigenheiten der eigenen Sprache nachzudenken beginnt. Wer fremde Sprachen nicht lernt, so Goethe, kennt seine eigene nicht.

Falsche Bescheidenheit

Eine aktive deutsche Sprachpolitik ist angesichts des unterkühlten Verhältnisses der Deutschen zu ihrer Muttersprache nicht immer leicht. Denn viele Deutsche empfinden keine besondere Freude an ihrer Muttersprache. In einigen großen deutschen Unternehmen wird selbst in den in Deutschland gelegenen Zentralen die englische Sprache gesprochen. Laden deutsche Stiftungen oder Unternehmen zu Kongressen in Deutschland ein, wird den Adressaten der Einladung heute prompt die Frage gestellt, ob er sich der englischen oder der deutschen Sprache bedienen wolle. Es ist für die deutsche Außen- und Kulturpolitik nicht eben einfach, die Bedeutung der deutschen Sprache in der Welt aufzuwerten, wenn unsere Landsleute selbst auf deren Gebrauch keinen besonderen Wert legen.

Für die Franzosen ist es ein selbstverständliches Anliegen, ja eine Herzenssache, den Stellenwert der französischen Sprache in der Welt zu festigen. Offensiv treten französische Politiker dafür ein, ihre Muttersprache in den internationalen Organisationen – insbesondere in den Institutionen der Europäischen Union – aufzuwerten. Wir dagegen müssen uns immer wieder von unseren französischen Kollegen bei der Hand nehmen lassen, auf dass wir – gemeinsam stark – unsere Sprachen neben der Weltsprache Englisch behaupten.

Wie häufig tadeln unsere französischen Freunde unsere geradezu anbiedernde Bereitschaft, auf internationalen Zusammenkünften auf den Gebrauch der eigenen Sprache zu verzichten. Statt den bereitstehenden Simultandolmetschern die Chance zu geben, ihre grauen Zellen zu trainieren, sprechen wir beflissen englisch. Und das zumeist – mehr oder minder ungewollt – die Bosheit George Bernhard Shaws unter Beweis stellend, das Englisch the easiest language is to speak badly. Leichtfertig verzichten wir darauf, uns wortreich und damit gedankenreich in der vertrauten Muttersprache darzustellen. Wir Deutschen ziehen es vor, durch den Gebrauch des Englischen Weltoffenheit, Modernität und das Gefeitsein vor dem Nationalsozialismus zu demonstrieren.[v]

Sprachvorschriften als Abwehr?

So sehr uns die Franzosen in ihrer Liebe zur Muttersprache ein Vorbild sind, so wenig verdient ihre auf Regeln und Verbote erpichte sprachpuristische Politik unsere Gefolgschaft. Fremdwörter bereichern unsere Sprache. Charme oder Engagement, Weekend oder Fairness sind Begriffe, die unsere Sprache nicht nur ergänzen. Sie sind vielmehr mit Assoziationen verknüpft, die das entsprechende deutsche Wort nicht aufweist. Mitunter bringen sie einen vielschichtigen Tatbestand besser auf einen kurzen Begriff.

Vergessen wir bitte auch nicht, in welchem Maße unsere Sprache mit ihrem reichen Wortschatz das Ausdrucksvermögen anderer Sprachen bereichert. Über die bereits genannten Wörter hinaus ist an Kindergarten, Rechtsstaat, Angst und Kitsch zu denken. Die Gemütlichkeit und das Frollein seien nicht vergessen. Diese Anleihen bei der jeweils anderen Sprache geben überdies interessante Auskünfte über unterschiedliche Mentalitäten, Problem- und Weltsichten.

Das französische Beispiel lehrt, dass man das stattliche Wachstum von Anglizismen nicht mit einer militanten staatlichen Sprachpolitik aufhalten kann. Gesetzlich Austreibungsversuche scheiden schon deshalb aus, weil man Kultur nicht administrieren kann. Kultur – dazu gehört auch die Sprache – kann ihrem Wesen nach nicht staatlich verwaltet werden. Das beeinträchtigte ihre Autonomie, die auch und vor allem von der Ministerialbürokratie zu respektieren ist. Treffend hat Jean Francois Revel festgestellt, dass mit Gesetzen gegen ausländische Wörter zu kämpfen, nur in Diktaturen erfolgreich sein könne.[vi]

Lassen wir also dem Bundeskanzler seinen Girls Day, unserer Jugend ihr cool und einer Geschäftskette ihr come in – find out. Die zum Teil hausgemachte Produktion von Anglizismen treibt mitunter kuriose Blüten. Die Rucksäcke, die neuerdings als body bags in allen Farben und Größen in Supermärkten und bei E-Bay feilgehalten werden, sind das trefflichste Beispiel. Die Verkaufsstrategen hatten hier offenbar keine Zeit, einmal in das Englisch-Lexikon zu schauen. Dann hätten sie nämlich entdeckt, dass »body bag« nicht Rucksack, sondern Leichensack bedeutet. Bastian Sick, der Autor des Buches »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod«, hat sich die Mühe gemacht, sein Englisch-Wörterbuch zu konsultieren, um zu erfahren, was Rucksack eigentlich auf Englisch heißt. Und dort fand er das Wort back-pack als Bezeichnung für die großen Wanderrucksäcke, aber gleich an erster Stelle – man glaubt es kaum –: rucksack.

Dennoch: Die deutsche Sprache wird nicht an dem Gebrauch von Anglizismen und Fremdwörtern anderer Herkunft zu Grunde gehen. Wenn Bastian Sick mit seinem Buch so viel Leser wie Käufer findet, ist bald ein nachdenklicher Umgang mit der schönen englischen Sprache angesagt. Denn Ironie ist noch immer die stärkste Waffe der Vernunft.

Noch eine Leseprobe des Bänkelsängers Reinhard Mey, die vierte Strophe von Poor old Germany:

»Weiß nicht, was soll es bedeuten«,
Deine Worte sterben aus.
Sind nicht mehr »in« bei den Leuten,
Hier spricht alles wie die Mickymaus.
Lore Ley rettet alleine
Haarspraywerbung im TV,
Sorry for you, Henry Heine,
Sorry, poor old Germany.
Schade für uns, wie ich meine,
Sorry, dear old Germany.

Das schönste deutsche Wort

Statt uns gegen etwas zusammenzutun, sollten wir uns für etwas gemeinsam stark machen. Das Goethe-Institut hat sich aus dieser Einsicht heraus mit zwei anderen der deutschen Sprache dienenden Institutionen zum Deutschen Sprachrat verbunden, um das Feingefühl der deutschen Öffentlichkeit und Politik für die deutsche Sprache zu beleben. Es geht um das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim und um die Gesellschaft für deutsche Sprache.

Uns geht es im Deutschen Sprachrat nicht um einen sprachpuristischen Kampf gegen Anglizismen und Fremdwörter anderer Herkunft; auch nicht um eine Rivalität mit der englischen Sprache. Fernab von jeder Deutschtümelei wollen wir die Freude an der deutschen Sprache wiederbeleben. Unser gemeinsamer Wettbewerb um das schönste deutsche Wort im vergangenen Jahr diente diesem Ziel. Die Aufmerksamkeit sollte auf den Reichtum der deutschen Sprache gelenkt werden. Die Pflicht, die Wahl des kostbarsten Wortes zu begründen, sollte den Sprachdiskurs beleben. Was in der Tat geglückt ist, weil sich die deutschen Medien in einer unerwarteten Weise an diesem Spiel beteiligt haben.

Wie erwartet haben deutsche Wörter der Empfindsamkeit bei der Suche nach dem schönsten deutschen Wort den Sieg davongetragen. Spricht doch auch Jorge Luis Borges von der »süßen« deutschen Sprache. Offenbar sind wir Deutschen Weltmeister im Erfinden gefühlsbetonter Wörter wie Weltschmerz, Heimweh und Fernweh, die häufig in deutscher Wortgestalt auch in anderen Sprache verwendet werden. Auch Sir Simon Rattle, der in den Orchesterproben der Berliner Philharmoniker noch immer englisch spricht, weiß, dass es für das Wort »innig« keinen angemessenen englischen Ersatz gibt. Hier schließt die deutsche Sprache Lücken des Ausdrucksvermögens anderer Sprachen. Eine spanische Teilnehmerin unseres Wettbewerbs, die sich für Fernweh entschieden hat, schrieb:

»Dieses Wort ist für mich das schönste deutsche Wort, weil es das Wort ist, das ich lebenslang gesucht habe. Bis ich angefangen habe, Deutsch zu lernen, habe ich dieses Gefühl nicht benennen können. Es ist komisch, etwas zu spüren, und kein Wort dafür zu haben.«

Deutsch – ein Plus?

Besser kann wohl gar nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass Deutsch ein Plus ist. Daneben gibt es noch eine Reihe anderer Gründe, die es lohnend machen, sich mit Deutschland und der deutschen Sprache zu beschäftigen: Trotz der gegenwärtigen Krise ist Deutschland ein wirtschaftlich reiches Land. Trotz Hartz IV ist die Bundesrepublik ein Sozialstaat, der seinesgleichen sucht. Die deutschen Politiker agieren mit wachsendem Selbstbewusstsein auf der diplomatischen Bühne. Die deutsche Wirtschaft ist an fast allen bedeutenden Orten der Welt präsent.

Die bildenden Künste in unserem Land zeichnen sich durch Vielfalt und Experimentierfreude aus. Das deutschsprachige Theater – Österreich und die Schweiz eingeschlossen – erfreuen sich einer einzigartigen internationalen Aufmerksamkeit. Unsere Opern, die Berliner Philharmoniker und Wolfgang Rihm seien als gern gehörte musikalische Kulturbotschafter nicht vergessen. Sasha Walz und Pina Bausch stehen weltweit gerade mit Hilfe des Goethe-Instituts hoch im Kurs. Und das in Nachbarschaft zu unseren philosophischen und literarischen Geistesgrößen. Nur Jürgen Habermas und Günter Grass seien genannt, bei denen der Andrang der Goethe-Institute besonders groß ist. Dieses Panorama deutscher Kultur könnte ich spielend erweitern – vor allem auch um die deutsche Verfassungsjurisprudenz ergänzen, deren Beitrag in der konzertierten Aktion, die den modernen Verfassungsstaat hervorgebracht hat, besonders geschätzt wird.

Mit besonderer Aufmerksamkeit wird nach wie vor unser großes nationales kulturpolitisches Projekt beobachtet: der Wandel vom Untertanengeist zur Staatsbürgerkultur. Die offen gestellte Frage lautet, ob es nach der Wiedervereinigung erfolgreich fortgesetzt werden wird. Jedes Wiederaufleben nationalsozialistischen Ungeists wird von unseren Nachbarn feinfühlig registriert. Auf der anderen Seite wird im Ausland die aktive Vergangenheitspolitik in der Bundesrepublik weltweit als beispielhaft gewürdigt. Deutschland hat eine schwierige Gratwanderung bei dem Versuch zu meistern, sich der Verantwortung für den Holocaust zu stellen und sich gleichwohl – oder gerade deswegen – selbstbewusst in die Europa- und in die Weltpolitik einzumischen.

Eine aktive Sprachpolitik im Innern wie außerhalb unseres Landes gehört dazu. Diese steht nicht nur im Einklang mit der künftigen europäischen Verfassung, laut der die Union den Reichtum der kulturellen und sprachlichen Vielfalt wahren soll. Frankreich und Deutschland kommt in der Abwehr einer sprachlichen Monokultur eine tragende Rolle zu. Kraft der Bedeutung ihrer Sprache sind beide Länder in besonderer Weise für den Erhalt der Mehrsprachigkeit in Europa verantwortlich. Denn die Entwicklung der Sprachen verläuft nicht naturgesetzlich, sondern ist beeinflussbar. Wir haben alles daran zu setzen, dass das von Gerd Stickel gezeichnete pessimistische Zukunfts-Szenario Fiktion bleibt: Danach werde in fünfzig bis siebzig Jahren »Französisch, Deutsch, Italienisch und Finnisch … nur noch in der Familie und mit Freunden in der Freizeit gesprochen werden. In allen anderen Situationen des Lebens, in denen Wichtiges zu tun sei, werde eine Art »kreolisiertes Englisch« gesprochen werden, während die europäischen Hochsprachen, einschließlich der englischen (!), dann nur noch auf Folklore-Nischen beschränkt sein werden.[vii] Auch die Engländer gilt es daher in ihrer Schulpolitik davon zu überzeugen, dass Mehrsprachigkeit bereichert und bildet. Ein slowakisches Sprichwort sagt es so schön: »Mit jeder neu erlernten Sprache erwirbst du eine neue Seele.«

Die erste Seele gewinnt der junge Mensch mit dem Erlernen der Muttersprache. Die mit der Sprache gegebene Fähigkeit, Gedanken auszudrücken, wenn nicht überhaupt zu denken, Gedanken aufzunehmen und zu begreifen, prägt den Menschen von Kindestagen an – sowohl als Individuum als auch als geselliges Wesen. Die Muttersprache stiftet Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Weit mehr als die territoriale Bodenhaftung lässt die Sprache eine »geistig-emotionale Heimat erwachsen«.[viii] Heinrich Heine, der bekanntlich viele Jahre unfreiwillig in Paris verbracht hat, wird gern als Zeuge für die Bindekraft der Sprache angerufen. Werden doch die schönsten Träume von der Heimat im Asyl geträumt. In seinen Klagen wird der Zusammenhang von Sprache und geistig-emotionaler Heimat deutlich: Etwa wenn er davon spricht, dass seine Gedanken in eine fremde Sprache exiliert seien oder feststellt: »wenn ich Deutsch schrieb, so konnte ich mir einbilden, ich sei in der Heimat, bei der Mutter«.[ix]

Wer also patriotische Gefühle pflegen will, der wende seine besondere Aufmerksamkeit der deutschen Sprache zu. Sie hat weniger ausgrenzende Wirkung als andere Phänomenen der abendländischen Kultur; auch wenn sie – was Borges zu Recht betont – nicht leicht zu lernen ist. Sie ist vor allem nicht allein unsere Sprache. Sie gehört auch den Österreichern und einem Drittel der Schweizer, denen die deutsche Sprache viele Meisterwerke der Weltliteratur verdankt. Schließt doch George Luis Borges ausdrücklich Gottfried Keller ein. Wer sich den Geistesprodukten der deutschen Sprache widmet, bekommt die vielschichtige humanistische Tradition des Abendlandes gewissermaßen frei Haus geliefert und weiß bei der nächsten Patriotismusdebatte besser, worüber er eigentlich spricht.


[i] Hagai Dagan, »Wir kennen ein sehr gewalttätiges, aggressives Deutsch«, in: DIE TAGESZEITUNG v. 28. 1. 2004, S. 12.

[ii] Ulrich W. Sahm, Geschichte der deutschen Sprachen … im Heiligen Land, n-tv.de/5478825, S. 2.

[iii] David Crystal, The Language Revolution, 2004, S. 10 f., 22.

[iv] David Crystal, a.a.0., S. 7, 10.

[v] Wiard Raveling, Englisch, Englisch über alles?, in: Mut – Forum für Kultur, Politik und Zeitgeschichte, September 1999, S. 9.

[vi] Zitiert nach Wiard Raveling, a.a.O., S. 12.

[vii] Gerhard Stickel, Eröffnung der Konferenz und Vorstellung des Instituts – Hochsprachen und europäische Mehrsprachigkeit aus der sicht des Instituts für Deutsche Sprache (IDS), in: Gerhard Stickel (Hrsg.), Europäische Hochsprachen und mehrsprachiges Europa, 2002, S. 29.

[viii] Fritz Nies, Kulturwissenschaft: Gesellschaftliche Vordenker im Rückstand?, in: Fritz Nies (Hrsg.), Europa denkt mehrsprachig – L’Europe pens en polusieurs langues, 2005, S. 18.

[ix] Fritz Nies, a.a.O., S. 18, Fn. 6.

49. Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache

Die 49. Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache findet vom 12. bis 14. März 2013 im Congress Center Rosengarten Mannheim statt.

 

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